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Bayerisches Bier
Tradition mit Vielfalt

Von Nichtbayern wird man im Freistaat oft gefragt, was denn Besonderes am Bayerischen Bier sei. Wenn man, wie ich, nicht nur in Freising geboren und aufgewachsen ist, wo nicht nur im Jahre 1040 die älteste Brauerei der Welt gegründet wurde, sondern auch Studenten aus aller Herren Länder die Kunst des Bierbrauens erlernen, ist man bei solch einer Frage erst einmal verdutzt. Dass Bayern die Wiege des Bieres ist, war für mich stets eine Selbstverständlichkeit.

Zugegeben, Bier wurde nicht in Bayern erfunden, sondern in Ägypten. Doch macht man sich auf die Suche nach dem Ursprung des Deutschen Bieres, so führt die Spur nach Bayern. Genauer gesagt in die Nähe von Kulmbach, wo die "Kasendorfer Bieramphoren" gefunden wurden. Sie stammen aus der Zeit um 800 v. Chr. und stellen damit die ältesten Zeugnisse deutschen Brauwesens dar. Das Reinheitsgebot von 1516 ist ebenfalls eine bayerische Erfindung, auch wenn es heute fälschlicherweise oft als "Deutsches Reinheitsgebot" bezeichnet wird. Erlassen wurde es von Herzog Wilhelm IV. auf dem Landständetag zu Ingolstadt. "Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten und Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden soll", so das älteste Verbraucherschutzgesetz weltweit.

Dies nun einfach als gesamt-deutsche Bestimmung zu deklarieren, ist nicht ganz korrekt, schließlich durften Braumeister in Norddeutschland noch bis 1906 Malz-Ersatzstoffe wie Reis und Kartoffelmehl in ihre Sudpfannen schütten. Und heute noch steht im Paragraph 9, Artikel 2, des vorläufigen deutschen Biergesetzes, dass zur Herstellung von obergärigem Bier solch eigenartige Zutaten wie Rohr- oder Rübenzucker verwendet werden dürfen. Das Bayerische Reinheitsgebot erlaubt dies nicht, und deshalb landen die Rüben hierzulande eher im Futtertrog als im Bier.

"Gut", mag der nordische Nachbar sagen, "aber dafür ist euer Bier dünner als unseres." Gemeint ist natürlich Pils, auf das außerhalb Bayerns etwa drei Viertel des Biermarktes entfallen. Wer aber so etwas sagt, hat noch nie ein "Edelstoff" von Augustiner oder einen Andechser Doppelbock getrunken. Überhaupt ist dem Pils-Anhänger kaum geläufig, dass ein Bayer sein geliebtes Pils erfunden hat. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ließen Qualität und Haltbarkeit des böhmischen Bieres zu wünschen übrig. Hierauf wurde ein neues Brauhaus gebaut, um zukünftig untergäriges, damals auch bayerisches Bier genannt, brauen zu können. Sicherheitshalber engagierte man noch einen bayerischen Braumeister: Josef Groll aus Vilshofen. Dieser wollte aber nicht nur ein gutes, sondern auch ein neuartiges Bier brauen, was ihm unter Verwendung von hellem Malz und ungewöhnlich viel Aromahopfen auch gelang.

Davon abgesehen wird fast jedes norddeutsche Pils, wie auch die meisten anderen deutschen Biere, aus bayerischen Rohstoffen gebraut. Schließlich stammt etwa ein Viertel der Welthopfenernte aus dem Freistaat. Auch ein Großteil der deutschen Braugerste wächst auf bayerischen Feldern ­ über 300000 Tonnen jährlich.

Und da wäre noch die einzigartige Vielfalt bajuwarischer Biere. Gegenüber 40 bayerischen Sorten wirkt die Bierlandschaft der restlichen Republik mit ihren circa zehn verschiedenen Typen wie eine pilslastige Monokultur. Die Europäische Union und ihr Ministerrat haben inzwischen erkannt, dass die Biere aus dem Freistaat etwas Besonderes sind. Seit Juni 2001 ist der Ausdruck "Bayerisches Bier" wie auch Champagner oder Parmesan eine "Geschützte Geographische Angabe". Ganz von alleine ist man in Brüssel nicht auf diese gute Idee gekommen. Der Bayerische Brauerbund hat mit viel Geduld und in einem neunjährigen Rechtsstreit die nötige Überzeugungsarbeit geleistet.

Auf rechtliche Mittel will ich natürlich verzichten, wenn ich dem nordischen Nachbarn die Einzigartigkeit bayerischer Biere nahe bringe. Ich greife lieber zu einem Weißbier, ganz im Sinne der sprichwörtlichen bayerischen Bierruhe.

Oliver Voss (35) ist Regisseur und Autor verschiedener Dokumentationen auch zum Thema Bier in Bayern. Für das Bayerische Fernsehen realisierte er "Andechs ­ Gespräche am Heiligen Berg" (nächstes Gespräch: 1. November, 11 Uhr).

Quelle: www.bayernkurier.de (Oliver Voss), Jahrgang 54, Ausgabe Nr. 37, 11. September 2003

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