Der folgende Text ist dem TagesAnzeiger vom 4. August 2005 entnommen:
     
    So bunt ist die Bierwelt in Zürich
     
    Bierbrauereien jeder Grösse kämpfen um den Zürcher Markt. Nur wer den Wirt überzeugen kann, kommt an den Konsumenten heran.

Von Ueli Abt

Zürich. - Kennen Sie das Häxehüslibräu? Oder wie schmeckt Ihnen ein Nixli? Kenner würden mit Sicherheit auch ein Goldküsten-, Herz- oder Johanniterbräu empfehlen. Oder ein Pfaffberg Bock, Wisliger Berg-Bräu oder Excelsior, um bei Produkten aus dem Kanton Zürich zu bleiben.

Das Geschäft mit dem Gerstensaft lockt. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Brauereien schweizweit von etwa 50 auf 125 angestiegen. Jede bemüht sich mit einer Palette von regionalen und saisonalen Bierspezialitäten um die Gunst des Biertrinkers. Hunderte von Biersortenund -arten sind damit auf dem Schweizer Markt. Dies bei einem Pro-Kopf-Bierkonsum, der schon seit Jahren rückläufig ist.

Spezialitäten sind Türöffner

Die kleine Schaffhauser Brauerei Falken ist zurzeit daran, den Zürcher Markt zu erschliessen. Marketingleiter Markus Höfler ist glücklich darüber, dass die tonangebende Coolness-Elite in der Badi Tiefenbrunnen, der Blauen Ente und im Club Diagonal mittlerweile Falkenbier trinkt. Eine vielfältige Produktepalette und ein cooles Markenimage sind Gründe, wieso Lokale das Bier ins Angebot aufnehmen.

Um längerfristig im Sortiment zu bleiben, muss aber eine Brauerei durch gute Serviceleistung überzeugen: "Wenn es Probleme mit dem Offenausschank gibt, sind wir noch am selben Abend vor Ort", sagt Adrien Weber, Geschäftsführer und Gründer von Turbinenbräu. Die kleine Brauerei betreut jedes einzelne Lokal im persönlichen Kontakt. Als 1996 der Rheinfelder Feldschlösschen-Konzern die Marke Hürlimann aufkaufte und die Zürcher Brauerei stilllegte, nutzte Adrien Weber die Gunst der Stunde: Mit seinem in der Stadt Zürich gebrauten Bier stiess er auf Nachfrage. Dass Turbinenbräu auf Zürcher Boden gebraut werde, so denkt Weber, gebe dem Produkt eine hohe Glaubwürdigkeit. Turbinenbräu wächst bisher jedes Jahr um 20 Prozent.

Von den Grossen geknebelt

Auch das Dreimann-Unternehmen Amboss profitiert von der Sympathie, die so manches Lokal einer kleinen Brauerei entgegenbringt. "Die Alternativszene hat uns den Rücken gestärkt", bestätigt Frank Mattle, verantwortlich fürs Marketing bei Amboss Bier. Gemäss Geschäftsleiter Pascal Stübi soll das Unternehmen um 100 Prozent wachsen, aber nicht mehr. Mit einem Ausstoss von etwa 3000 Hektolitern wird dann die Brauerei noch immer ein Zwerg sein. Klein und nur hier in Zürich erhältlich, darin sieht Stübi eine Chance: "Wer will schon in den Skiferien, in Zürich und im Ausland immer das gleiche Bier trinken und überall die gleichen grünen Sonnenschirme sehen?"

Früher pflegten die grossen Brauereien die Wirte mit Knebelverträgen über 10 Jahre hinweg als Abnehmer zu verpflichten. Der Entscheid der Wettbewerbskommission vom Dezember 2004 hat die Möglichkeit, Restaurants über Jahre zu binden, eingeschränkt. Neu dürfen fixe Verträge nur noch über maximal 5 Jahre binden.

"Verträge mit festen Laufzeiten sind bei uns auch heute die Regel", verrät Feldschlösschen-Pressesprecher Stefan Kaspar. Dies sei bei den meisten grossen und mittleren Brauereien der Fall. Noch immer sichert sich der Rheinfelder Marktleader manchmal das Exklusivrecht, sodass der Wirt keine anderen Biermarken im Angebot führen kann. Auch die Nummer zwei in der Schweiz, Heineken Switzerland, spielt die Macht des Grossen aus: Seit Anfang Juli greift das holländische Grossunternehmen mit dem grünen Logo dem Kaufleuten-Club bei den Musikanlässen finanziell unter die Arme. Im Gegenzug bezieht das Kaufleuten seine Getränke exklusiv von Heineken.

Es gibt viele Gründe, mit einer grossen Brauerei einen Vertrag abzuschliessen. Diese bieten Darlehen, wenn der Umbau des Wirtslokals ansteht. Biergläser, Sonnenschirme, den Zapfhahn und den Kühlschrank gibts dazu, bei Vertragskündigung sind diese Goodies allerdings auch schnell wieder eingesammelt. Häufig sind grosse Bierbrauereien auch Mineralwasserlieferanten. Wer einen Vertrag ausschlägt, muss damit auch beim Mineralwasser auf Alternativprodukte ausweichen.

Bindende Verträge sind bei den Kleinen die Ausnahme. "Wirte haben erkannt, dass sie sich mit Vorteil nicht länger binden, weil Biermarken kurzfristig "in werden können", sagt Karl Locher, Inhaber der Brauerei Locher in Appenzell, die trendige Marken wie Voll- oder Leermondbier herstellt. Mit 54 000 Hektolitern ist Locher eine grössere Brauerei unter den Kleinen. "Bei den Restaurants müssen wir nicht gross Aquisition betreiben, eher kommen die Wirte auf uns zu", sagt Locher. Dabei lässt man sich den Wechsel zum eigenen Produkt schon mal etwas kosten. "Wenn ein Wirt unbedingt wechseln will, kann es vorkommen, dass wir ihn aus einem bestehenden Vertrag loskaufen", bestätigt er.

"Die Bierkarte bitte"

Einer, dem der monotone Bier-Mainstream missfällt, ist Hartmuth Attenhofer, SP-Kantonsrat und Generalsekretär der Gesellschaft zur Förderung der Biervielfalt. Konsequent und demonstrativ verlangen die 350 Mitglieder des Vereins jeweils im Gasthaus "die Bierkarte", um so auf eine differenziertere Bierkultur beim Wirt und schliesslich beim Gast hinzuarbeiten.

Bei aller Stärke der grossen Brauereien, sieht Attenhofer für viel kleine eine Chance. Doch nicht für alle, schliesslich sei der Durst des Konsumenten endlich. So war vor ein paar Jahren Wädi-Bräu mit seinem Hanf- und Biobier ziemlich erfolgreich. 2004 schrieb das Unternehmen rote Zahlen. Bis jetzt ist noch kein Turnaround in Sicht. "Ursprünglich kam das unfiltrierte Bier auf, weil sich die kleinen Brauereien keine teure Filteranlage leisten konnten. Das unfiltrierte Bier wurde vom Markt als echte Spezialität erfolgreich aufgenommen. Nun springen die Grossen auf diesen Zug auf und verdrängen die Kleinen aus dieser Nische", sagt Attenhofer. Keine Bedenken hat er bei gut etablierten Anbietern wie Falken, Locher oder Turbinenbräu. Auch wer nebenberuflich braut, werde sich halten können, denkt er.

Mikrobrauer beliefern "Besenbeizen"

Rund um den Zürichsee gibt es eine ganze Reihe von so genannten Mikrobrauern, die mit Kleinstmengen bis zu 40 Hektolitern im Jahr eine limitierte Anzahl von Restaurants, Privatkunden und Vereinen beliefern und weit gehend unbekannte Biermarken, wie die eingangs erwähnten, produzieren. Einer davon ist Fritz Ledermann, der in Hombrechtikon jeweils am Wochenende sein Herzbräu braut. Er beliefert zwei "Besenbeizen", Wirtschaften, die nebenbei betrieben werden. Hin und wieder setzt er einen Sud Wacholderbier auf, von dem nur ganz gute Kollegen profitieren. Ledermann hat einen Kundenstamm von vielleicht 20 Abnehmern. "Ich bin froh, wenn es nicht mehr Kunden werden" sagt er. Doch am Rande spielen auch bei ihm Marktmechanismen: Die Knappheit seines Angebots steigert die Nachfrage. Oder in seinen Worten ausgedrückt: "Wenn es mein Bier nicht so häufig gibt, sind die Kunden eher spitz darauf."