Die Tsunami-Katastrophe, hautnah erlebt

Von GFB-Fähnrich Fritz Ledermann, Brauerei Herzbräu, Hombrechtikon

Tambon Karon Phuket, 29. Dezember 2004


Hoi zäme

Endlich, endlich habe ich E-Mail-Kontakt mit Euch. Entschuldigt, aber es ist schwierig, hier Internetkontakt zu bekommen, auch mein Handy funktioniert nicht richtig; das SMS geht und Telefonate nach aussen kann ich machen, aber keine von Euch empfangen. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem verfluchten Handy.

Was ist passiert?

Ich verspürte am Sonntagmorgen zwischen 7 und 8 Uhr zwei leichte Erdstösse, machte mir aber nichts daraus. Ich lag noch im Bett, als gegen 9.30 Uhr Panik ausbrach im Hotel; sofort lief Wasser in mein Zimmer durch das Fenster. Geistesgegenwärtig beigte ich das Gepäck in die Höhe und floh mit Mae durch das Fenster über die obere Etage auf das Dach des Hotels. Sämtliches Hotelpersonal war bereits geflohen. Zwischen der ersten und der zweiten Flutwelle rette ich unsere Wertsachen aus dem Zimmertresor und brachte unser Gepäck aufs Dach in Sicherheit. Gott sei Dank hatten wir nicht die Tür zum Hotelzimmer aufgemacht; die verhielt recht gut und das Wasser respektive die Gülle stand nur knietief. Hotelgäste, die in Panik die Tür aufrissen, standen bis zur Hüfte im Dreck. Wir Hotelgäste sammelten uns dann im oberen Stock und begannen uns zu solidarisieren und zu organisieren. Wir leisteten Erste Hilfe, da einige Hotelgäste durch Scherben schwere Schnittwunden erlitten hatten. Wir sammelten sämtliche Reiseapotheken ein und machten in einem Zimmer ein Lager. Nach der zweiten Flutwelle wurde von einer dritten Megawelle erzählt. Wir hatten übrigens absolut keine Informationen was passiert war. Um 13 Uhr floh ich mit Mae zu ihr nach Hause, das oberhalb Patong Beach liegt. Dort war alles trocken. Um 15 Uhr gabs die blitzartige Evakuation von ganz Patong. Mit einem Moped fuhren wir zu dritt auf einen Berg. So um 20 Uhr wurden wir dann von dort mit Lastwagen in eine Sammelstelle evakuiert. Die Einheimischen und die Hilfswerke halfen uns toll, es mangelte nie an Essen und Trinken. Wir übernachteten auf dem Gelände einer Polizeistation. Es war eine schlimme Nacht, es gab keine Decken und Unterlagen. Am Montagmorgen packte mich dann Mae und wir fuhren per Autostop retour nach Patong zu ihr nach Hause. Gott sei Dank: die Wertsachen waren unversehrt bei ihr zu Hause, das Wasser kam nicht bis hierher. Hier trennten wir uns, sie wollte nach ihren Angehörigen sehen. Ich schlug mich dann durch Trümmer retour in mein Hotel Horizon Beach Ressort. Der untere Teil war völlig zerstört, alles, einfach alles in Trümmern. Langsam gewahrte ich, was für ein Riesenglück wir hatten. Mein Gepäck war Gott sei Dank noch da und unversehrt im zweiten Stock, denn schon hatten Plünderungen begonnen; das ist brutal hier. Die Hotelleitung tauchte dann auf und war völlig hilflos. Ich meldete mich ab und sagte, ich würde mir selber helfen. Durch Zufall fand ich ein kleines nettes Hotel (ein TukTuk-Fahrer und ein unbekannter Schweizer Tourist halfen mir) auf einem Hügel ca. 150 Meter über Meer. On the Hill Hotel ist der Name, nette Familie, sehr freundlich und hilfreich. Hier bleibe ich noch bis Freitagmorgen dann fliege ich nach Singapur.
Am Donnerstag war ich noch schnell retour in Patong Beach in meinem Hotel. Meldete mich endgültig ab und gab für den Fall eines Falles meine neue Hoteladresse dort ab. Es sind hunderte von Toten zu beklagen hier. Erst gestern, als ich mir Patong Beach genau ansah, kam es mir wieder hoch, was für ein Dussel ich hatte. Da lagen ganze Schiffe in den Hoteleingängen! Viele Menschen hats erschlagen, viele, die am Strand waren, sind ertrunken. Es werden noch viele Touristen gesucht. Erwin und Susi W. mussten heute Morgen abreisen, das Reisebüro übernehme sonst keine Garantien. Wir haben uns gestern Abend nochmals getroffen und Znacht gegessen. Uebrigens: Ich habe Mark und Rae K. von Perth hier getroffen. Sie habens auch gut überstanden und sind gestern nach Bangkok geflohen.

Macht euch keine Sorgen, ich bin gesundheitlich gut drauf, habe nur ein bisschen ein gestauchtes rechtes Bein. Psychisch bin ich eigentlich auch gut drauf, aber manchmal kommts mir hoch, wisst ihr, die Erinnerungen, es beschäftigt einem.
Als ich entscheiden musste, ob ich die Reise weiterziehen will, entschied ich mich fürs Weitermachen. Was soll schon noch schlimmer werden! Am 3. Januar bin ich in Neuseeland, dort gibts ja nur Vulkane, und die werden wohl nicht gleich explodieren...

Es grüsst euch alle und wünscht euch allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr
Fritz Ledermann

<<[zurück ...]