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Und er sprach, es werde Bier - WamBier

Ein deutscher Pfarrer programmierte seine Waschmaschine neu. Jetzt ist sie eine Brauerei

Durstig steht der Priester im Keller vor einem summenden Notebook der Marke Commodore, Baujahr 1985. Ein fingerdickes Druckerkabel führt vom Computer in den Deckel eines Waschautomaten. Der Pfarrer drückt die Enter-Taste seines Notebooks. Erst rumpelt und spotzt die Waschmaschine, dann springt sie unversehens an. In der Trommel wabert eine braune Suppe. «Da wird jetzt ein Altbier gebraut», sagt andächtig der Gottesmann.

Pfarrer Michael Fey, 45, katholischer Gemeindevorsteher von Duisburg-Bissingheim im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, betreibt in seiner Pfarrei eine computergesteuerte, bierbrauende Waschmaschine. «Jesus hat nicht gesagt, nehmt diesen gesundheitsfördernden Kamillentee, sondern nehmt diesen Wein», fällt ihm zur Begründung ein. 1987 in einem Sommerlager braute er erstmals den Gerstensaft selber. Nach dem ersten Schluck war ihm klar: «Ich habe ein neues Steckenpferd - so lecker war das.»

Fey spitzt jetzt die Lippen und drückt auf dem Notebook die Befehlstaste F2. Sofort spritzt, elektronisch gesteuert, ein Wasserstrahl durch einen Schlauch in die datenverkabelte Waschmaschine. Es ist übrigens eine Constructa Carat Bioaktiv, Baujahr 1971. Ein Fossil also. «Ich braue strikt nach dem Reinheitsgebot von 1516», meldet Priester Fey und drückt die Tastenkombination Alt+F2. Sofort versiegt die Wasserzufuhr in die Trommel. Fey steuert den umgebauten Automaten mit Druckbefehlen in der Urzeit-Programmiersprache DOS. Tastenbefehle setzen Heizung, Motor, und Wasserpumpe in Gang. Auf dem Bildschirm des Notebooks leuchtet ein komplizierter Programmcode.

Das Malz tunkt der Pfarrer in einer Art Teebeutel in die Maschine

Bei der Herstellung von Bier wird Malzsud während Stunden erhitzt. Dabei muss der kirchliche Braumeister verschiedene Temperaturstufen auf Zehntelgrade genau einhalten und immer wieder kräftig rühren. Mit dem Kochtopf auf dem Elektroherd sei das eine Tortur, weiss Fey aus Erfahrung.

Ganz anders die Waschmaschine: Sie ist konstruiert, die Waschlauge je nach Pflegeleicht-, Bunt- oder Kochwäscheprogramm bei konstanter Wassertemperatur umzuwälzen. Das sind die besten technischen Voraussetzungen, um damit Bier zu brauen - sofern einem das einfällt. «Die Mönche haben früher mit Kesseln über dem Feuer gebraut», sagt Fey. «Das ist eigentlich das gleiche Prinzip wie meine Toplader-Waschmaschine.»

Schmeckt denn Bier aus der Waschmaschine nicht - na ja - seifig? Fey drückt auf dem Notebook soeben F1, aber es passiert scheinbar nichts. «Neee. Die wird immer sauber geputzt.» Das Gebräu in der Maschine fängt nun zu köcheln an. Wenn man am Computer F1 eingibt, wärmen sich also die Heizstäbe auf? «Genau», bestätigt Michael Fey. «Das Programm, mit dem ich mit dem Notebook den Brauvorgang lenke, heisst bier.exe.»

Man kann es auf der Website des Pfarrers herunterladen. Dort im Internet finden Nachahmer nicht nur detaillierte Rezepte für obergäriges Altbier, sondern auch Blockschaltbilder seiner selbst ausgetüftelten Relaisschaltung und das Brauprogramm mit kryptischen Befehlszeilen wie «IF Wasserstand OK THEN Heizung = ON».

«Solltemperatur erreicht», meldet das Notebook und fordert auf, dem Sud in der Waschtrommel geschrotetes Malz beizugeben. «Zu diesem Punkt habe ich mir auch etwas ausgedacht», sagt der Braumeister. Er trägt einen schweren Sack mit Malz in den Nebenraum. «Wenn ich das Getreide einfach reinschütte, verstopft es die Maschine. Also habe ich hier», zeigt er ein Säckchen aus Windelstoff, «eine Art Malz-Teebeutel gebastelt.» Den tunkt er in das Gebräu in der Maschine, damit es sich mit dem Malzgeschmack vollsaugt.

Sogar in der Silvesternacht beim Wechsel ins Jahr 2000 braute Fey im Keller, obwohl damals Computerexperten vor dem Zusammenbruch aller Informatiksysteme gewarnt hatten. «Es gab keinen Absturz, dafür ein exquisites Millenniumsbier.» Selbstverständlich ist das nicht. Das Programm bier.exe kann nämlich, wie jede Software, durchaus aus heiterem Himmel versagen. Dann stürzt sozusagen das ganze Bier in der Waschmaschine mit ab und schmeckt fade. Zehn Stunden dauert der gesamte Brauprozess, vieles kann dabei schief gehen.

Geht alles ordnungsgemäss, kommt bei 40 Grad das Malz in den Sud. Bei 52 Grad folgt, was die Fachleute «Eiweissrast» nennen: «Da bildet sich dann der Schorf.» Bei exakt 65 Grad entstehen für das Bier wichtige Enzyme, die dann bei 72 Grad die Stärke in Zucker umwandeln. Auf 78 Grad wird der Sud «geläutert», will heissen, der Zucker wäscht sich aus. Dann wird das Gebräu gekühlt, mit Hopfen und Hefe versehen, und nochmal zwei Stunden gekocht - alles orchestriert von der Software. Nur auf den aufschäumenden Schleudergang verzichtet Fey.

Wenn bier.exe versagt, ist buchstäblich Hopfen und Malz verloren. Deshalb hält Pfarrer Fey das Programm ständig in Zugriffsnähe auf seinem Notebook bereit: «Ich kompiliere es sogar vor jedem Brauprozess neu.» Geht alles gut, sprudelt der Gerstensaft aus dem Abflussrohr des Waschautomaten. Das ist das eigentliche Wunder: Das Bier schmeckt traumhaft - prost!

Pfarrer Michael Feys Dreifaltigkeit: Der Anschluss zum Laptop, die Installation mit dem Erfinder, das Waschmaschinen-Bier.

Quelle: www.sonntagszeitung.ch

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